Wiener, Dezember 1993, p.99

Genialer Kälteschock

M. Butterfly. Die Adaption von Puccinis Oper beweist, daß David Cronenberg immer noch der Meister des modernen Horrorfilms ist. Ein neuer Fall für Jeremy Irons.

Liebe macht blind. Ein Fall für Jeremy Irons. Bei Louis Malle verfiel er dem robusten Charme einer Juliette Binoche, in David Cronenbergs jüngstem Opus gerät er in die Fänge einer orientalischen Mata Hari de Kalten Krieges: Peking 1964. Bei einem Empfang verliebt sich der französische Diplomat René Gallimard (irons) in Song Liling (John Lone), einem Star der Peking-Oper. Im Verlauf dieser Beziehung wird Gallimard, geblendet von politischem und emotionalem Imperialismus, sich, seine Karriere und seine Ehe vernachlässigen und schließlich ganz aufgeben, um einzig in der Aura seiner perfekten Liebe existieren zu können.

M. Butterfly ist die Adaption des durch einen authentischen  Fall inspirierten Theaterstücks von David Henry Hwang, der selbst das Drehbuch verfaßte. Cronenberg ist einer der interessantesten Regisseure der Gegenwart. Der Grund ist einfach: die Qualität seiner Inszenierung. Seine Bilder sind dazu gemacht, um betrachtet zu werden und nicht um die Sinne mit jenem Nebel zu verkleistern, der verhindert, daß man den Quatsch sofort wahrnimmt, der sich meistens auf der Leinwand abspielt. Trotz oder gerade wegen ihrer warmen Farben lassen die plastischen Bilder von Kameramann Peter Suschitzky eine Kälte entstehen, die verdeutlicht, warum Cronenberg immer noch als Meister des modernen Horrorfilms betrachtet wird.

Aufgrund der Verquickung von Liebe, Politik und Sex wirde M. Butterfly mit The Crying Game und dem diesjährigen Cannes-Gewinner Lebe wohl meine Konkubine verglichen. Weniger romantisch als der eine und frei von den Klischees und stilistischen Mängeln des anderen, bleibt Cronenbergs Film der erschreckendste.

Konsequent und zwingend wird Puccinis Madame Butterfly, die Folie des Geschehens, mehrfach auf den Kopf gestellt. Am Ende interpretiert Gallimard selbst das Stück: Liebe macht blind?

CHRISTIAN WESTERMEIER
Genre: Liebesdrama Star: Jeremy Irons
Start 9. Dezember
Bewertung: ***** (von 5)